Aemylius Frederic Vogeler (1815–1833)

Ein Mikrokosmos hinter einer englischen Grabinschrift:
Die Kaufmann-Familie Vogeler zwischen Dresdner Salonkultur und Rio de Janeiro

Lebensdaten und Herkunft:

geboren: 20. Juli 1815 in Liverpool
gestorben: 21. November 1833 in Dresden

Eltern: Vater: Jakob Friedrich Vogeler, transatlantisch tätiger Kaufmanns, Mutter: Clelia, geb. Tourner

Sein Vater, aus einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie stammend, war als transatlantischer Kaufmann, königlich sächsischer und königlich-schwedischer Konsul von Bahia in Brasilien tätig. Er besaß dort eigene Plantagen. Seine Mutter Clelia Tourner stammte aus einer hoch gebildeten Familie mit italienisch-schottischen Adelswurzeln. So hatte Ihr Vater hatte in Rom Theologie und Philosophie studiert und war als weltlicher Abate „einer der 12“ (Vorstand) in der berühmten, heute noch existierenden Accademia dell‘Arcadia tätig. In seiner Funktion war er Vertrauter des Papstes (Clemens XIV. und schrieb über Ihn ein Buch. Er stellte Weichen nach Brasilien und nach Sachsen. Unter anderem war mit dem Archäologen Winkelmann bekannt). Alle Nachkommen der Tourner Familie haben einen lateinischen Vornamen aus der griechisch-römischen Antike – seinerzeit außergewöhnlich. So bekam der Enkel in dieser Tradition den Namen Aemylius.

Schulausbildung:

Blochmannsche Erziehungsanstalt in Dresden (später Vitzthumsches Gymnasium)

Wissenswertes:
Eine Kaufmannsfamilie in Dresden

Die Familie Vogeler zog um 1820 von England zurück nach Deutschland, zunächst nach Hamburg und schließlich 1827 nach Dresden. Nach Schilderung von Zeitgenossen, lebten Vogelers in Dresden im Wohlstand, welcher vermutlich auch aus dem Gewinn bei indirekten oder gar direkten Sklavenhandelsgeschäften herrührte, die der Vater betrieb. J. F. Vogeler schreibt 1829 dem Geheimen sächsischen Finanzrath von Zahn, dass „auch mit Glaskugeln nach Verbot des Sklavenhandels keine Gewinne mehr“ zu erzielen seien (Dokument im Sächsischen Hauptstaatsarchiv), was ein indirektes Eingeständnis ist: früher konnten wir damit im Sklavenhandel Geschäfte machen, heute nicht mehr. (siehe „Das Salz der bitteren Tränen“ von Günter Voigt 2026). Bahia war in Südamerika einer der Hauptumschlagorte für afrikanische Sklaven in Südamerika.

Mehrere Jahre lebte man im Haus des Zuckerindustriellen H. W. Calberla (1774-1836) dessen Fabrik sich zwischen dem heutigen Italienischen Dörfchen und dem Landtag, an der Elbe befand.
Calberla betrieb die erste Zucker-Raffinerie in Sachsen und transportierte den Rohrzucker mit eigenen Schiffen von Hamburg nach Dresden. Da die Hamburger Vogeler-Kaufmannfamilie mit Zucker aus Bahia handelte waren sie vermutlich Geschäftspartner. Calberla leitete die erste Dampfschiff-Linie von Hamburg nach Dresden mit einem Transport von 1000 Zentnern Zucker ein. Vermutlich war es Zucker aus Bahia.

Die Mutter war Teil von Dresdens berühmtesten Salon der Romantik von Elisa von der Recke und Christoph August Tiedge. Dort war sie als gern gesehene Kulturvermittlerin zu Schottland und zu Brasilien tätig. Tiedge wünschte sich immer wieder die brasilianischen Lieder, die Clelia und Valeria dort gern vortrugen. Das wird alles sehr ausführlich in Ida von Düringsfelds „In der Heimat“ mit offenen Namen beschrieben.

Die Kinder: Aemylius früher Tod und Weg der Schwester zur Premierministerin Brasiliens

Im Hause Vogeler leistete man sich für die Erziehung der Tochter die gleichen Lehrer, die auch die königlichen Prinzessinnen ausbildeten, u. a. als Gesangs- und Kompositionslehrer den Kastraten Angelo Ciccarelli – Belcantospezialist der Hofoper und Instrukteur der Kapellknaben. Dieser hatte großen Einfluss auf die Prinzessin Amalie, die als Amalie Heiter Opern komponierte. Auch die Prinzessinnen-Erzieherin, Lehrerin und Malerin Emilie Lachaud de Loqueyssie war in der Familie als Erzieherin tätig und malte mehrfach Tochter und Mutter. Diese Bilder liegen in den imperialen Sammlungen in Petropolis bei Rio de Janeiro. Die Schwester Valeria sprach fließend Englisch, deutsch, italienisch und französisch, war Pianistin, Sängerin und Komponistin.
Im Umkehrschluss kann man vermuten, dass auch Aemylius diese Sprachen auch beherrschte. In Dresden besuchte Aemylius die Blochmannsche Erziehungsanstalt, eine Bildungseinrichtung, die auf den gehobenen Adel und obere Kreise des Bürgertums ausgerichtet war. Er erhielt dort eine umfassende Ausbildung, die ihn auf seine vorgesehene Rolle als männlicher Erbe in den Bereichen Handel und Diplomatie vorbereiten sollte.

Dieses Lebensziel blieb jedoch unerreicht, als Aemylius im Elternhaus in der Dresdner Klostergasse 9 (etwa dort wo heute das Finanz- und Kulturministerium in der Neustadt steht) erkrankte. Er verstarb am 21. November 1833 im Alter von nur 18 Jahren in Dresden. Als Todesursache wurde offiziell „nervöses Fieber“ angegeben. Dies war seinerzeit ein Sammelbegriff. Durch Analyse des Umfeldes muss man bei der Einordnung in Erwägung ziehen, dass er an einer seltenen tuberkulösen Enzephalopathie litt. Aus seinem unmittelbaren Umfeld starb Carl Mühle drei Jahre später mit 20 Jahren an Tuberkulose und nachweislich waren auch andere Mitglieder seines sozialen Umfelds davon betroffen.1

Dieses Lebensziel blieb jedoch unerreicht, als Aemylius im Elternhaus in der Dresdner Klostergasse 9 (etwa dort wo heute das Finanz- und Kulturministerium in der Neustadt steht) erkrankte. Er verstarb am 21. November 1833 im Alter von nur 18 Jahren in Dresden. Als Todesursache wurde offiziell „nervöses Fieber“ angegeben. Dies war seinerzeit ein Sammelbegriff. Durch Analyse des Umfeldes muss man bei der Einordnung in Erwägung ziehen, dass er an einer seltenen tuberkulösen Enzephalopathie litt. Aus seinem unmittelbaren Umfeld starb Carl Mühle drei Jahre später mit 20 Jahren an Tuberkulose und nachweislich waren auch andere Mitglieder seines sozialen Umfelds davon betroffen.

Sein früher Tod bedeutete für die Familie einen tiefgreifenden strukturellen Bruch, da die geplante Fortführung der männlichen Linie im globalen Handelsnetzwerk der Vogelers abrupt endete. Es gibt Anzeichen, dass der Konsul Vogeler sich bemühte, den familiär integrierten Vollwaisen Carl Mühle in diese Position zu rücken, immerhin finanzierte er dessen Jurastudium in Leipzig. Carl durfte das Diplomatenpapier (aus der Königsteiner Papiermühle, mit dem Portrait des Sächsischen Königs, später das JWHATMAN-Papier, welches Vogeler für Korrespondenz mit dem schwedischen König verwendete, siehe Anlagebild [Archiv Dr. Günter Voigt]) des Konsuls für seine private Korrespondenz nutzen. Im Jahr des Tuberkulosetodes des Carl Mühle (am Ende des ersten Semesters), bitte J. F. Vogeler den schwedischen König um Entlassung aus dem Posten des Konsuls.  Aemylius wurde auf dem Eliasfriedhof in Dresden beigesetzt. Sein Grabmal ist bis heute erhalten und trägt eine in englischer Sprache verfasste Inschrift, die seine Herkunft würdigt.

Die Dichterin Ida von Düringsfeld, eine enge Freundin der Familie, widmete seiner Mutter später ein Gedicht, das als Reminiszenz an den verstorbenen Aemylius und den Schmerz über seinen frühen Verlust gedeutet wird. Ida von Düringsfeld und Aemylius Frederic Vogeler ist ein faszinierender Aspekt dieser Geschichte, da es die Grenze zwischen historisch belegbarer Freundschaft und einer möglichen romantischen Verbindung berührt.
Ida und Aemylius waren gleichaltrig und bewegten sich in denselben exklusiven Dresdner Kreisen. Eine zentrale Rolle spielte dabei Aemylius’ Mutter, Clelia Vogeler, die Ida englischen Sprachunterricht gab und sie in die Werke von Shakespeare sowie in die schottische Dichtung einführte. Die enge Verbindung wird zudem durch Idas tiefe Freundschaft zu Aemylius’ Schwester Valeria unterstrichen; Ida setzte der Freundin in der Novelle „Die Haraldsburg“ ein bleibendes literarisches Denkmal.2

Ein besonderes Indiz für die emotionale Tiefe ihrer Beziehung ist Idas Gedicht „An Clelia Vogeler“, das als Reminiszenz an den verstorbenen Aemylius gedeutet wird. Darin verarbeitet sie den Verlust durch die literarische Brille des damals populären Ossian-Epos. Sie verwendet die Figur der Malvina, die im Epos ihren früh verstorbenen Verlobten Oscar betrauert und dann dessen Vater pflegt.

Die Verwendung der Blätter der Myrte im Gedicht ist hierbei doppeldeutig: Während der Myrtenkranz klassisch für Liebe und Hochzeit steht, wird die Myrte im Text mit dem verwelkten Laub und dem Grab in Verbindung gebracht, was den Übergang von lebendiger Liebes-Hoffnung zu schmerzhafter Vergänglichkeit symbolisiert. Obwohl keine direkten Liebesbriefe erhalten sind, legt diese dichte literarische Symbolik nahe, dass Ida Aemylius sehr nahestand. Die Forschung wirft sogar die Frage auf, ob sie möglicherweise in ihn verliebt oder gar mit ihm verlobt war, da sie im Gedicht betont, Clelia in ihrem Schmerz so gut wie kein anderer zu verstehen. Sein früher Tod verhinderte eine gemeinsame Zukunft und hinterließ bei Ida eine lebenslange melancholische Erinnerung.

Die Familiengeschichte nimmt im weiteren Verlauf eine bemerkenswerte Entwicklung. Schwester Valeria heiratet den zukünftigen Premierminister Brasiliens und Freund des Kaisers Pedro II. João Lins Vieira Cansanção de Sinimbu. Sie wird damit als Vizegräfin de Sinimbu zur gefeierten First Lady in Rio de Janeiro und brilliert dort in den exklusiven Salons mit Arien aus Webers Freischütz. Das Grab der Eltern ist in Rio noch zu besichtigen. Eine Komposition der Valeria Vogeler kann man sich über Youtube anhören.

Möglicherweise gerade in der Trennungsphase der Vogelers von Dresden entsteht ein weiteres Gedicht, welches sich explizit an Clelia Vogeler wendet und das Grab des Aemylius thematisiert. Die Schriftstellerin Elfriede von Mühlenfels (*um 1810 in Greifswald; † 12. Januar 1884 in Dresden) – selbst eng mit dem Kreis um Tiedke und Serre verbunden – veröffentlich 1849 in ihrem Gedichtband: „Vaterländische Hochgesänge und Lieder“ das Gedicht: das Gedicht

„An Mistreß Clelia Vogler. Am Sterbetage ihres einzigen Sohnes“

Unerschütterlich sei im Vertrauen der göttlichen Almacht,

Ob der Verstand auch zagt, menschliche Weisheit sich sträubt.

Eingehüllet im Tod hat Gott ein tiefes Geheimniß:

Schweigen geziemet uns hier, Demuth, Glaube zugleich.

Einen unsterblichen Funken hat eingesenkt er dem Geiste,

Ein Atom von sich selbst, welchem Zerstörung nicht naht.

Wenn er vom Mutterherzen so früh gerissen den Liebling,

Ward zu reinerem Licht, höherm Beruf er geführt.

Wahrlich der Schleier, der jeht verhüllt des Todes Mysterien,

Rollt vor dem staunenden Blick einst im Jenseits empor.

Freundschaft weiht dir den Kranz zum Schmuck des einsamen Grabes,

Welches den Liebling umschließt, den Du für’s Leben entbehrst.

Neze mit Thränen das Moos, und Hoffnung erfülle die Seele!

Hoffnung! daß Gott einst helohnt Glauben und festes Vertraun.

Das Gedicht an Clelia Vogler eröffnet mehrere interessante Beobachtungen:

Es spricht dafür, dass Elfriede von Mühlenfels Clelia Vogler persönlich kannte – eine bloße Widmung an eine prominente Persönlichkeit wäre anders formuliert worden. Die Anrede „Mistreß“ Clelia Vogler unterstreicht die internationale Prägung der Familie Vogler durch das Konsulat für Bahia. Dass das Gedicht den Tod des einzigen Sohnes thematisiert, zeigt ein Maß persönlicher Anteilnahme, das auf eine engere Bekanntschaft schließen lässt. Da Clelia Vogler spätestens Mitte der 1840er Jahre Dresden verließ und das Gedicht erst 1849 erschien, dürfte das Gedicht dennoch auf fortbestehende persönliche Verbindungen nach Dresden hinweisen. Möglicherweise spiegelt die Bildsprache „Moos am Grab küssen“ ein Abschiedsmotiv wider. Da Clelia Vogler Dresden verlassen will, könnte das „einsame Grab“ eine räumliche Trennung andeuten, wodurch das Grab ohne den Beistand der Angehörigen blieb.

Inhaltlich verbindet das Gedicht persönliche Trauer mit christlicher Trostgewissheit. Die mütterliche Liebe bleibt über den Tod des Sohnes hinaus bestehen und findet ihren Ausdruck in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im Glauben. Das Grab wird dabei zum Ort des Erinnerns und der fortdauernden inneren Verbundenheit, wodurch der Schmerz nicht aufgehoben, sondern in einen religiösen Sinnzusammenhang gestellt wird.

Für die Forschungen zum Eliasfriedhof eröffnet sich dadurch ein interessanter Kontext: Das Grab des Aemylius Vogler ist nicht nur das Grab eines Kaufmann-Sohnes, sondern es steht offenbar in einem Netzwerk, das in die Dresdner Salonkultur und in die literarischen Kreise um Christoph August Tiedge, die Tiedge-Stiftung und schließlich zu Elfriede von Mühlenfels und Ida von Düringsfeld hineinreicht.

Aus Sicht der Mikrogeschichte bleibt Aemylius Biographie eine „dichte Leerstelle“, um deren Lücke sich eine dichte Quellenlage aufbaut. Die Geschichte von Aemylius Frederic Vogeler ist deshalb so wertvoll, weil sie nicht nur Fakten aneinanderreiht, sondern zeigt, wie man durch das „Lesen von Spuren“ (ganz im Sinne von Carlo Ginzburg 1939-2026)* ein ganzes Gesellschaftsbild rekonstruieren kann.

  1. „Romantik in Dresden – eine Collage“ von Günter Voigt, 2025 ↩︎
  2. „Das Salz der bitteren Tränen“ von Günter Voigt 2026 ↩︎

Von Dr. Günter Voigt

Stand: 26.08.2026