Festveranstaltung zum 20. Jahrestag des Fördervereins

Programm
Blick durch den Eliasfriedhof nach West
Blick durch den Eliasfriedhof nach West

PROGRAMM

Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento in F-Dur, 1. Satz Allegro

Begrüßung und Biblisches Wort
Sebastian Feydt, Frauenkirchenpfarrer

Grußwort der Landeshauptstadt Dresden
Eva Jähnigen, Bürgermeisterin
Beigeordnete für Umwelt und Kommunalwirtschaft

Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento in F-Dur, 2. Satz Andante

Stadthaus, »Plaisir« und Gruft
Die Schönheit einer Hinterlassenschaft
Uwe Kolbe, 2017 Stadtschreiber in Dresden

Myroslav Skoryk: Melody for Strings

Stationen der Förderung
Virtueller Rundgang über den Friedhof
Elmar Vogel, Vereinsvorsitzender

Bela Bartok: Tiz Darab I

Grußwort der Ärars des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs
Olaf Recknagel, Vorsitzender des Friedhofsvorstandes

Ausblick und Schlußwort
Beatrice Teichmann, Friedhofsverwalterin

Bela Bartok: Tiz Darab II

 

Streichquartett des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden

Streichquartett des Heinrich-Schütz-Konservatoriums

Julia Knappe, Violine
Alexander Bergert, Violine
Gregor Pollini, Violine
Franziska Bergert, Violoncello
Leitung Franziska Graefe

Stadthaus, »Plaisir« und Gruft – Die Schönheit einer Hinterlassenschaft

Stadthaus, »Plaisir« und Gruft
Die Schönheit einer Hinterlassenschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder des Fördervereins Eliasfriedhof,
sehr geehrte Freundinnen und Freunde dieser Stadt und ihres großen öffentlichen Erbes!

Eine Dresdner Zeitung meldete am 14. November 2018 unter der Überschrift Neue Promenade am Pirnaischen Platz das Folgende: Zwanzig Jahre lang wäre über eine Flaniermeile um die Altstadt diskutiert worden. Lange fehlte das Geld. Aber nun wäre es so weit, bis 2020 würde sie, dem Umriss der früheren Festungsanlagen folgend, fertiggestellt.
Es ist schön, dass nun also ein Projekt umgesetzt wird, welches der seinerzeit in Bayern tätige Baumeister und Bildhauer François Cuvilliés bereits Anno Domini 1762, also vor gut 250 Jahren für Dresden entworfen hatte. Die zuletzt nachweislich des Beschusses durch Preußens Artillerie im Siebenjährigen Krieg wertlos gewordenen Stadtbefestigungen beider Dresden schleifen, die Gräben verfüllen und auf ihnen eine Avenue von vier Baumreihen anlegen zu lassen – darin bestand der Plan. Es kam nicht einmal zum Schleifen der Bastionen, damals. Die Bevölkerung war wieder einmal dezimiert, Abgaben flossen spärlich. Und das Interesse der Bürger Dresdens galt vielleicht mehr dem eigenen Nutzgarten auf der Höhe einer Bastion als dem Abtragen derselben. Erst durch Napoleon kam 1809 kurz wieder Bewegung in die Sache. Und als die sogenannte Entfestigung abgeschlossen wurde, aufs Jahr 1830, war dieser Freund und Gönner Sachsens längst als englischer Gefangener gestorben. Mal sehen, wie es diesmal damit weitergeht.
Leider muss es hier mit eher kleinen Ausblicken in die unendlich verzweigte Geschichte von Aufbau und Abriss, von Zerstörung und Wiederaufbau sein Bewenden haben. Bei der Besinnung auf den Geduldsfaden der großen Allegorie der Geschichte soll es allerdings bleiben.

Als man den 1680 rasch vor dem Ziegeltor angelegten Seuchenfriedhof nach dem Propheten Elias benannte, tat man es wegen dessen Entrückung und Himmelfahrt, von der im 2. Buch der Könige berichtet wird. Durch sie errang der Prophet den Nimbus der Unsterblichkeit. Wer den Elias anruft, meint Überwindung des Todes und ewiges Leben.
Im 1. Buch Könige findet sich eine interessantere Szene. Gott ließ, um ein notwendiges Gespräch mit dem Propheten zu führen, zunächst einen großen, gewaltigen Sturm vor sich herziehen, darauf ein Erdbeben und zuletzt Feuer. Trotz des Aufwands ist es aber nicht das, woran Elias seinen Gott erkennt, worin Gott sich ihm offenbart: »Nach dem Feuer das Flüstern eines leisen Wehens. Als Elia dies hörte, verhüllte er sein Angesicht mit dem Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle. Siehe, da sprach eine Stimme zu ihm.«
Damit der Flaneur, der zukünftige Genießer einer Dresdner Flaniermeile und seine weibliche Auch- oder Mitgängerin in Dresden Verwandtes erfahren können, führt sie der erste Weg selbstverständlich auch heraus aus der Höhle. Das empfohlene Ziel ist der Eliasfriedhof. Am besten bewegen sich die Beiden mit dem ÖPNV dorthin. Die Straßenbahnhaltestelle Sachsenallee zum Beispiel liegt gleich gegenüber der Südostecke der heutigen Einfriedung. Die Straße, die zu überqueren bleibt, heißt in Anlehnung an ihren Ursprung in dem elbnahen Festungstor noch immer Ziegelstraße. Jenseits des Zugangs zum Friedhof endet zunächst einmal etwas, das ich, wenn Sie den Einschub gestatten, nennen möchte: die Dresdner Jagd. Was ist damit gemeint? Etwas, das im Alltag eines Fußgängers durchaus Sturm, Beben und Feuer gleicht. Es ist die Konkurrenz der Radfahrer mit den Fußgängern um das Fortkommen auf den Wegen der Stadt. Ich vermute, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Verkehrsbehörden diesen alltäglichen Überlebenskampf genießen, wenn sie ihn aus ihren Autos heraus betrachten.
Flanieren heißt, müßig zu gehen und das Schauen als Schauen zu genießen, den langsamen Wechsel der Perspektiven auf das Nähere und das Weitere wahrzunehmen und geschehen zu lassen. Zu flanieren ist eine der Möglichkeiten geistigen Seins. Man muss dazu keine fernöstliche Philosophie bemühen. Die urbane Figur zum Verfertigen des Gedankens beim Gehen ist der Flaneur. Hierorts taugt er höchstens noch zur Metapher.
Umso größer der Schock beim Betreten des Eliasfriedhofs. Hortus conclusus, du bist es! Die hier eintreten, verfallen bei nur einiger Bereitschaft in Andacht. Schwer fällt es, die Erfahrung auf den Punkt zu bringen. Vielleicht: Das Flüstern eines leisen Wehens. Und was es in einem selbst ist, vielleicht eine Mischung von Gefühl, Besinnen und nachdenkendem Genuss. Zu erklären, worin die Wirkung tatsächlich besteht, braucht es länger.

Der Förderverein jedenfalls erfüllt seinen Zweck im Verfolg von tausenderlei einzelnen Zwecken: Öffentlichkeitsarbeit und Bewahrung; Maßnahmen; Pflege. Der Erhalt einer alten Esche oder Eiche, gelegentliche Neupflanzungen, die Sicherung der Mauern, Wiederaufbau und denkmalgerechte Gestaltung der Zeile der Grufthäuser, die handwerklich anspruchsvolle Wiederherstellung und gelegentliche Ergänzung der durch Zeit und Wandalismus fragmentierten, auf unterschiedliche Weise ornamental gearbeiteten Gitter, das Untersuchen und Verschließen von Gruftkammern, das Wiederaufrichten einer Urne, das Befestigen eines losen Grabaufsatzes, das Aufrichten eines Steins, einer Tafel, einer Säule, die seltene, nur durch großzügige Spenden mögliche Wiederherstellung einer klassizistischen Grabarchitektur, die Darstellung eines kaum noch erkennbaren Barockengels und dessen, wie er einmal aussah oder, mangels Dokumenten, die Suche nach passenden Details zeitgenössischer Kirchen, Profanbauten, anderer Kirchhöfe, überhaupt die fachgerechte Darstellung von allem und jedem im Istzustand, die Inangriffnahme behutsamer Maßnahmen, das Zugänglichmachen, Sichern, das Auffinden und Zuordnen von passenden Archivalien... Wer sich all das vor Augen führt, kann nur staunend den Hut ziehen. Die Stadt und das Land haben einen Gewinn davon, der Zweck der Bewahrung des Denkmals liegt in kundigen und engagierten Händen.

Die zweihundert Jahre, die der Friedhof bestand, sind scheinbar eine kurze Strecke auf dem Zeitstrahl. Doch ist es eine Täuschung, der Einzelne könnte mit Herz und Verstand überschauen, was sie allein in dieser Stadt bedeuten. Im Kern zehn, zusammen eher sechzehn Generationen mit den jeweiligen Vor- und Nachfahren hatten als Angehörige mit diesem Flecken am Rande der wachsenden Pirnaischen Vorstadt zu tun. Auf besondere Weise. Sie wurden dort zur letzten Ruhe gebettet. Sie trauerten dort. Sie begegneten dem Schicksal, dem anderer wie dem eigenen. Sie begleiteten eventuell mit Erleichterung einen Konkurrenten, der es nun nicht mehr war, zur letzten Ruhe. Oder sie gaben einer Gönnerin, einem Gönner das Geleit wie dem durch Initiative des Fördervereins Eliasfriedhof wieder prominent dargestellten Anwalt, Redakteur und Stifter Justus Friedrich Güntz. Die Spender, die zum Wiederaufbau seiner Familiengruft beitrugen, stellten immerhin Mittel bereit zur Erinnerung an einen noblen Erben, der ihr Vorgänger war. Und der nebenbei bemerkt erst ein Jahr vor Aufhebung des Friedhofs, im Jahre 1875, dort bestattet wurde. Die Gestaltung der Galerie der Grufthäuser für die Dresdner Notabeln folgte Entwürfen des Ratszimmermanns George Bähr von 1723. Wie auch der Bau, in dem wir uns befinden, die wiederauferstandene Frauenkirche, seinem Talent und Durchsetzungsvermögen zu verdanken ist.
Alles hat seine Zeit, und alles braucht seine Zeit. Unverbunden ist nichts, und gerade das Herausragende, das Solitäre weiß das und sagt es, wenn es befragt wird.

Der Friedhof sah, solang er in Gebrauch war, einige Revolutionen. Dazu gehört vor der Großen Französischen und ihren Auswirkungen auf Sachsen und vor der 1848er Revolution, deren Dresdner Protagonisten u.a. ein berühmter Kapellmeister und ein Architekturprofessor der Kunstakademie waren, unbedingt alles, was sich mit dem Zeitalter Augusts des Starken verbindet. Die paneuropäische und globale zweite Renaissance, die mit dem schiefen Wort Barock bezeichnet wird, sie war eine ästhetische Revolution auf jeden Fall, eine Revolution der Bedeutung des Ästhetischen im adligen wie gleich daneben, auf eigene Weise, im bürgerlichen Leben. Dresden dabei als ein Zentrum nach französischem Vorbild und italienischem Geschmack. Die Kunstankäufe im Takt: Sammlung Wallenstein 1741, Pariser Ankauf 1743, Sammlung Herzog von Modena 1745, aus der Galerie zu Prag 1749, die Sixtinische Madonna 1754. Etwas, das sich auf die Dresdner Friedhöfe auswirkte, versteht sich, auf Art und Vielfalt der Gestaltung, auf den Anspruch von Architektur und Skulptur für die teuren Toten. Hof und Bevölkerung trennte zwar ab jetzt die Religion, was für die Differenzierung von Mentalitäten einiges bedeutet. Doch ein großer Magnet für den Strom Fremder ist auch nicht schlecht. Und Brot und Spiele. Die Geschäfte liefen und laufen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Eliasfriedhof noch Begräbnisstätte war, wurden in Dresden jährlich 10.000 Gäste gezählt.

Der Kurfürst, der seine Lust darauf, ein König zu werden, durch den Übertritt zum katholischen Glauben befriedigen konnte, über sein lutherisch reformiertes Volk hinweg, zu dessen Mäulerwetzen, aber auch Gaudi, seine ästhetischen, seine barocken Gelüste fußten selbstverständlich auf Kenntnissen. Einer seiner Lehrer war der Oberhofbaumeister dreier Kurfürsten in Folge Wolf Caspar von Klengel. Seine Funktion war zwar vom Militärbau definiert, doch mischte sich derlei hier nicht anders als am Hof von Versailles: »die Oberaufsicht über die Menus Plaisirs lag bei einem Ersten Kammerherrn«. »Plaisir« hieß bei Hofe alles von den schönen Bauten und der Kunstsammlung bis zum allfälligen, ziemlich teuren Feuerwerk. Dresden gefällt sich bis heute nicht nur darin als Residenz.
Zu Zeiten des glanzvollen August ging es selbstverständlich auch schon hinaus aus der Stadt: die Schlösser Übigau, Pillnitz, Großsedlitz, Moritzburg wurden unter Federführung von Klengel, Longuelune und Pöppelmann zu dem, was das profane Publikum heute bewundern darf, ausgeschlossen leider noch Übigau. Die phantastischen Parkanlagen jeweils inklusive. Und wo es königliche Weinberge gab, terrassierte auch rasch der Geldadel die Höhenzüge. Man baute sich – zu dem Wohn- und Geschäftshaus in den Gassen um die Frauenkirche herum oder jenseits der Elbe zwischen dem Marktplatz und dem Leipziger Tor – ein Weinberghäuschen zum Landhaus aus und feierte im Sommer lieber dort, auf dem eigenen Stückchen »Plaisir« oberhalb von Radebeul, in Loschwitz, Wachwitz, Pillnitz usw.
Im 19. Jahrhundert konnte man das sukzessive auch mit dem Reichtum, den die Industrialisierung generierte. Dresdens Einwohnerzahl hatte sich um 1700 herum in nur zwanzig Jahren auf etwa 46.000 Personen verdoppelt. Platz 18 der größten Städte des Heiligen Römischen Reichs, sprang es auf Platz 8. Ähnlich explodierte die Stadt erst wieder in der Gründerzeit, um die Aufhebung des Friedhofs herum, die ja auch damit zu tun hatte, mit der wachsenden Stadt. Nur geschah es da schon in einer anderen Dimension, von 100.000 auf 200.000 Einwohnern in der Spanne von einer Generation zur nächsten.

Neben den Kunst- und Antiquitätensammlungen gibt es zur ästhetischen Ausbildung seit 1764 die Kunstakademie. Die Namen werden klingend, Winckelmann wird in Dresden zu dem Kunsthistoriker, Raphael Anton Mengs malt das Altarbild der Hofkirche, der Komponist Johann Gottlieb Naumann ist Hofkapellmeister, von 1801 datiert sein Grab auf dem Eliasfriedhof, der Schweizer Maler Anton Graff malt die Angehörigen des sächsischen wie die des preußischen Hochadels. Die Dichterin Elisa von der Recke kennt und schreibt über sie alle, wird Patin des Dresdners Theodor Körner, dessen Vater, wie jedes Kind weiß, mit Schiller und weiß Gott mit wem noch vor allem auf seinem Loschwitzer Weinberg und in dem dortigen Sommerhaus verkehrte. Caspar David Friedrich schließlich entwirft ein Denkmal und notiert auf dem Blatt »Theodor« – Körner war zu der Zeit schon gefallen und ein Held der Befreiungskriege.
Grabmalentwürfe Friedrichs wurden selten realisiert, aber auf dem Eliasfriedhof findet sich ein Beispiel. Ein überzeugender, mit seinen neugotischen Linien moderner, klarer Solitär im Ensemble der Steine. Er ist dort vielleicht das deutlichste Beispiel protestantischer Spiritualität.
In der Gestaltung von Gräbern gibt es im Laufe der vielen Jahre auch Beispiele für Herrnhuter Einflüsse, die Bescheidenheit von liegenden Grabplatten ohne weiteren Zierrat, nur mit Namen und Lebensdaten der Verstorbenen, verweist darauf. Ein anderer aus der Reihe großer Dresdner, der Architekt Gottlob Friedrich Thormeyer, 1842 auf dem Eliasfriedhof beigesetzt, das von ihm für seine Ehefrau entworfene Grabmal eine klassizistische Säule mit weiblichem Genius und Sternenkranz – er entwarf den neuen Trinitatisfriedhof 1814/15 eben auch im Herrnhuter Geist. Bescheiden. Und, wenn Sie gestatten, soweit noch erhalten, schön.
Über einen anderen, ebenfalls sichtbaren und steten Einfluss auf die Dresdner Friedhofslandschaft, den der Freimaurer, mögen Bewanderte sprechen. Stein geworden ist er auf dem Eliasfriedhof auch, schon durch die Mitgliedschaft Thormeyers und des Bildhauers Franz Pettrich in Dresdner Logen. Letzterem wird das Apollorelief auf einem Stein am Grab des Komponisten Naumann zugeschrieben.

Und noch etwas anderes sei hier angemerkt, weil ich persönlich nicht davon absehen kann:
Vor allem die bildenden Künstler der Romantik nehmen mir die Möglichkeit, einen Ort wie den Eliasfriedhof anders zu sehen als gerahmt wie eines ihrer Gemälde, eine Zeichnung, ein Stich. Auch die in Berlin wirkenden Carl Blechen und Friedrich Schinkel, ja, Schinkel als Maler, Dahl, von dem gleich noch die Rede ist, und allen voran Caspar David Friedrich – sie prägen bis heute meinen Blick auf einen solchen Ort.

Den nach Freigabe des Pestackers zuerst ihre Angehörigen bestattenden Bürgern saß neben der Erinnerung an diese Epidemie noch der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges in den Gliedern. Ihnen war die Stadt noch ummauerter Schutz, ein möglichst eng und fest umgrenzter Lebensraum, aus dem hinaus sie ihre Toten geleiteten. –
Wohingegen die letzten, die hier bis 1876 bestattet wurden und ihre Angehörigen schon einmal mit dem Dampfschiff die Elbe hinauf und mit der Eisenbahn nach Leipzig, Breslau, Wien oder Berlin gefahren waren. Bürger des jungen Deutschen Reichs, waren sie ganz sicher viel stolzer darauf, dass die erste deutsche Lokomotive eine namens Saxonia war, 1838 in Übigau gebaut, konstruiert von dem Dresdner Ingenieur Johann Andreas Schubert aus der Friedrichstadt.
1818 konnte der norwegische Maler Johan Christian Clausen Dahl, dessen Grabplatte auf dem Eliasfriedhof liegt – in Dresden neben Runge der beste Freund und Hausgenosse von Caspar David Friedrich – unter dem Titel »Plauenscher Grund bei Dresden« noch ein heiteres Idyll malen: Vor Tal- und Felskulisse ein Planwagen, der Kutscher und ein paar Marktfrauen, die sich nichts daraus machen, dass ein Schäfer und seine Herde sie aufhalten, während weiter hinten sich ihnen bereits das nächste Hindernis, eine Rinderherde auf der sandigen Straße entgegenschiebt. Hätte Dahl vor seinem Tod 1857 die Gegend noch einmal besucht, wären ihm schon Wagen mit Fässern der Felsenkellerbrauerei entgegengekommen, und in sein Skizzenbuch wäre womöglich die Eisenbahn geraten, die damals schon dort hinauf und weiter bis nach Nürnberg fuhr.
Dass seit Aufhebung des Eliasfriedhofs längst wieder eine unglaubliche Zahl von Jahren vergangen ist, bald anderthalb Jahrhunderte, kommt dazu. Nach der industriellen fanden weitere Revolutionen statt. Man charakterisierte Kriege statt mit ihrer Dauer mit dem Zusatz Welt- und fing an sie zu beziffern. Das 20. Jahrhundert ist einer der Friedhöfe, die nie geschlossen werden.

Sie ahnen, dass es hier stockt, dass nach dem ausschweifenden und aus manchen Akzidenzien und willkürlichen Beispielen collagierten, aber bitte eindeutigen und unmissverständlichen Kompliment für den gestalteten Grund, der hier geehrt wird wie diejenigen, die für ihn Sorge tragen, noch etwas aussteht. Ein wenig von dem, wonach man mitten im Leben selten fragt.
Der künstlerisch und literarisch so fruchtbare Vanitas-Kult der kriegs- und seuchenerfahrenen Zeit um die Einrichtung des Eliasfriedhofs griff oft auf den Prediger Salomo zurück, illustrierte und schrieb ihn fort. Sie hören für sich Luthers Diktion und sicher auch die des Schlesiers Gryphius, die Sie aus dem Schulbuch kennen; hier ausnahmsweise aus der Zürcher Bibel, wo es heißt: »Wie ist alles so nichtig! spricht der Prediger. Wie ist alles so nichtig! es ist alles umsonst!« und weiter: »Da pries ich die Toten, die längst Gestorbenen: glücklicher sind sie als die Lebenden, die jetzt noch leben, und glücklicher als beide der Ungeborne der noch nicht geschaut hat das böse Tun, das unter der Sonne geschieht. Und ich sah, dass alle Mühen und alles Gelingen nur Eifersucht des einen gegen den andern ist. Auch das ist nichtig und Haschen nach Wind.«
Der ummauerte historische Totengarten, so spricht er auch. Die gewaltige Historie, deren Anwesenheit unübersehbar ist im Zusammenklang von Gestaltung, Erinnerung und Walten der Zeit, die zu einem harmonischen Bild in Eins fließen, lässt sich mit Intuition und ein wenig Lektüre nachvollziehen. Dies unter Bildung abzuhandeln, als abrufbares Wissen, wäre unbedingt nichtig und Haschen nach Wind. An einem Novembertag entstehen durchaus Stimmungen, an seinen Nebeln scheitert die Genauigkeit. Stimmungen kommen auf an einem Frühsommertag, an dem die zwanzig Arten Brutvögel in Bodenverstecken und auf Bäumen des Friedhofs und ihre Kollegen, die durch die Bäume vagabundieren, sich hören lassen, ein jeglicher nach seiner Art, und der Kontrast zwischen den Steinen der Toten und dem Trara der Lebenden ohrenfällig wird.

Aber hier wohnen doch nicht einmal mehr die Toten. Hier wohnt doch nur die Vergangenheit.

In Frankfurt am Main wurde jüngst ein Teil des Römerareals in der Altstadt historisierend wieder aufgebaut. Die FAZ schrieb dazu: Von einer Rekonstruktion sprechen die Beteiligten dennoch nicht. Vielmehr ist im Fall der 15 historischen Häuser, die wiederaufgebaut wurden, »von einem ›schöpferischen Nachbau‹ die Rede. Baurechtlich handelt es sich um Neubauten, die heutigen Anforderungen an Statik, Brandschutz oder Energieeinsparung gerecht werden müssen. So dürfen nach der Bauordnung tragende Mauern nicht aus Naturstein bestehen. Das bedeutet, dass die Architekten im Sockelgeschoss hinter der Sandsteinfassade eine Betonwand verstecken mussten.« Dazu kommen noch 20 Häuser, die in etwas wie »historischer Anmutung« neu erbaut wurden. Die Kosten betrugen insgesamt rund 200 Millionen Euro. Das wäre das Thema Stadthaus. In dem wird gewohnt und gearbeitet und es werden Geschäfte gemacht.
In Berlin steht trotz eines gewaltigen, jahrelangen Hin und Hers der Wiederaufbau des Stadtschlosses vor seiner Vollendung. Auch hier handelt es sich nicht um das, was draußen überwiegend zu sehen ist. Auf der Website des Humboldtforums, des angehenden Schlossherrn, heißt es: »Der Deutsche Bundestag hat 2002 beschlossen, die drei barocken Außenfassaden samt Kuppel und die drei barocken Fassaden des Schlüterhofes des Berliner Schlosses zu rekonstruieren. [...] Die Wiedererrichtung der Schlossfassaden soll die herausragende künstlerische Gestaltung des barocken Baumeisters Andreas Schlüter erkennbar machen. Bei der Rekonstruktion geht es um die architektonischen und bildhauerischen Schmuckelemente.« 595 Millionen Euro sollte das Schloss eigentlich kosten. Die waren im Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien [...] dafür veranschlagt. Doch es wird teurer. Und mindestens 26 Millionen Euro werden aus anderen Töpfen zugezahlt für den »kulturellen Betrieb« des Humboldtforums.
Soviel zu dem Thema Pläsier. Dort wird vor allem museal präsentiert, repräsentiert und diskutiert, was der Geist der Zeit so will. Wohlgemerkt der des 21. Jahrhunderts. Mal sehen, was wird, und ob es etwas zum Staunen gibt.

182,6 Millionen Euro kostete der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Weit über die Hälfte dieser Summe, 102,8 Milllionen Euro, kam aus privaten Quellen. Besonders für letzteres noch einmal Hut ab! Diese Kuppel wieder über der Stadt, das ist selbstverständlich das Thema Schönheit.

Was auffällt: Alle diese Aktivitäten sind rückwärts gewandt, sind restaurativer Natur. Neu ist daran vielleicht, dass so viele Jahrzehnte nach einem Krieg der Wiederaufbau historischer, ziemlich alter Bauten angesagt ist. Neu ist daran, dass die Menschen, die hier ein- und ausgehen, zwar neu sind, aber oft nicht sehr neugierig. Die 3D-Modelle für derlei Nachbauten werden an flotten Rechnern erstellt, das ist auf jeden Fall neu.

Sind die Revolutionen, die der Mensch als Gattung sich aktuell zumutet, die ihn überrollen und überfordern, eventuell nur auszuhalten, indem er sich gerade im unmittelbaren Lebensumfeld, in der Stadt ästhetisch da rückversichert, wo Sicherheit ist, nämlich in dem Kanon der Toten? Jedenfalls hier, in der einen und anderen deutschen Stadt? Ausnahmen gibt es, ich weiß, in Hamburg, ja, und in Dundee in Schottland und am Persischen Golf. Mit der finanziellen Größenordnung hat es wohl auch etwas zu tun.
Ein Friedhof ist günstiger zu haben. Einem Museum gleichrangig ist dieser allemal, eine Galerie von ganz allein. Ein Lapidarium ist er vom Postaer Sandstein mit der schwarzen Patina bis zum gedrechselten, grünlichen Zöblitzer Serpentinit. Ein Park ist er sowieso, dem obendrein ein besonderer Sinn eignet. Aufbau, Anordnung, Präsentation unterliegen dabei nicht dem Befinden eines Kustos, dem Impuls einer Kuratorin, sondern dem Zusammenspiel von Regeln, Pietät, Ansprüchen und schließlich dem Gang der Zeit.
Der Friedhof, jeder Friedhof ist auch eine Bibliothek. Anfangs noch mit Platz für den vermuteten Zuwachs, stilistisch variierend nach Jahr, Tag und Stunde und, eben, entsprechend den ästhetischen Ansprüchen der lebenden Lesenden, die den Toten etwas später nachfolgen.
Was der Verstand bei der Kunst und unter den Büchern findet, ist oft etwas anderes als das, was er sucht. Das Gespräch mit den Toten bietet Orientierung und Halt – und Überraschungen die Menge. Ihnen sei Dank, ihren Bauten, Bildwerken, Landschaften, die uns umgeben und prägen, ihren vielen Sprachen, bei denen sich unsere bedient, sobald wir den Mund aufmachen.
Und Dank sei dem Förderverein Eliasfriedhof, dass er dazu beiträgt, einen Ort zu erhalten, der soviel »Plaisir« bereitet, soviel Lebenslust spendet.

Uwe Kolbe, November 2018

 

Fotos von der Veranstaltung